Chilenische Zeitzeugin zu Besuch

Knapp 50 Spanischschülerinnen und -schüler des 11. Jahrgangs versammelten sich am 19.01.2026 nicht an, sondern auf der Bühne in der Aula unserer Schule. Diese wurde auf besondere Weise genutzt, nämlich geschlossen und in warmes Licht getaucht, sodass man in eine andere Welt, fernab der Klassenräume eintauchen konnte.

Fast 90 Minuten lang berichtete die Autorin, Journalistin und Musikerin Isabel Lipthay von ihrem Heimatland Chile. Hierbei interpretierte sie mit Gesang und Gitarre Stücke von Violeta Parra, die während der Diktatur verboten wurden und stellte eindrucksvoll dar, wie sich das bunte und freie Studentenleben der späten 1960er Jahre von einem auf den anderen Tag zu einem Leben voller Angst, Unterdrückung, Verschleppung, willkürlichen Festnahmen und Tötungen wandelte.

Von Anfang bis Ende holte sie die Schüler ab, indem sie sie nach ihren Träumen fragte und aufzeigte, dass diese erreichbar sind, wenn man nicht tatenlos zu- oder gar wegschaut, sondern ins Handeln kommt, sich zusammenschließt und nicht nur an sich selbst denkt – sei es in Lerngruppen, um das Abitur erfolgreich zu meistern oder auf gesellschaftlicher Ebene.

Diese positive und warmherzige Art auf Augenhöhe machte den Besuch der Zeitzeugin zu etwas ganz Besonderem.

Dass „Wir gemeinsam!“ an unserer Schule möglich ist, erlebte sie aber auch selbst. So freute Isabel Lipthay sich über die aufmerksame Teilnahme der Schüler sowie das große Interesse und die Unterstützung durch den Hausmeister, den Förderverein und die teilnehmenden Spanischlehrkräfte. Alle Beteiligten würden sich über eine Wiederholung im nächsten Jahr freuen.

All denjenigen, die an detaillierten Inhalten der Veranstaltung interessiert sind, empfehle ich, den Hintergrundbericht meiner Schülerin Jule Sachse aus dem 9. Jahrgang zu lesen. Sie durfte der Veranstaltung im Rahmen einer Forderaufgabe in der Rolle der Schuljournalistin beiwohnen und tat dieser Aufgabe durch genaue Recherche und präzise Fragen alle Ehre.

 Hintergrundbericht von Jule Sachse, Kl. 9d: Chile – Ein Land der Demokratie?

Die chilenische Zeitzeugin Isabel Lipthay zeigte uns am 19.01.2026, wie wertvoll das Leben in einer Gesellschaft ist, in der man mitbestimmen kann und seiner eigenen Meinung Ausdruck verleiht.

Chile – ein Land, das als eines der ersten in Lateinamerika eine demokratische Regierung besaß. Und dann? Um uns diese Frage beantworten zu können, müssen wir in die Vergangenheit Chiles reisen: zurück ins Jahr 1970. In diesem Jahr wurde Salvador Allende als Staatsoberhaupt gewählt. Nur drei Jahre später fand der Putsch statt, ausgeführt vom Militär und angeführt von Augusto Pinochet.

Augusto Pinochet wurde am 25.11.1915 geboren und verstarb am 10.12.2006. Augusto Pinochet kam durch den Putsch am 11.09.1973 an die Macht und wurde erst 11.03.1990 durch eine gewählte Regierung und Präsident Aylwin abgelöst. In dieser Zeit wurde aus der schönen Demokratie eine eiskalte Diktatur. Die Zeitzeugin Isabel schilderte Erinnerungen, die geprägt waren von Polizei- und Militärgewalt – vor allem unnötiger und grenzüberschreitender Gewalt. Tote, Verletzte, Vergewaltigte, Entführte, Gefolterte. Alles Opfer des Staates und der Führung Pinochets.

Heute möchte ich aber auf eine ganz individuelle Geschichte eingehen, auf die einer Journalistin, einer Geflüchteten, einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, und einer Frau, die mit Lebensfreude durchs Leben geht: Isabel Lipthay.

Isabel Lipthays Eltern stammten ursprünglich aus Ungarn. Sie flüchteten zuerst nach Holland, wo ihr Bruder geboren wurde, und einige Jahre später nach Chile. Dort wurde dann Isabel Lipthay geboren, die schließlich ihr Journalistikstudium begann. 1970 wurde dann der Präsident Salvador Allende gewählt. Er war ein Demokrat. Einer, der das Sozialleben schätzte. In seiner Amtszeit kam es dazu, dass Salvador Allende das Kupfer in Chile verstaatlichte. So war es nicht mehr für die USA oder andere Länder frei zugänglich. 1971 begann die CIA deshalb, Lkw-Fahrer dafür zu bezahlen, dass diese Chile nicht mehr mit Lebensmitteln versorgten.

Zu dieser Zeit glaubte man, Allendes „Misswirtschaft“ wäre der Grund für leere Regale in Geschäften, doch heute wissen wir, dass die CIA im Auftrag der US-Regierung dies verursacht hatte. Immer stärker wurde der Putsch geplant. Der Putsch, der Salvador Allende zu Sturz bringen und in Chile eine 17 Jahre lang andauernde Diktatur aufleben lassen sollte.

1973, um genauer zu sein am 11.09.1973, fand der Putsch statt. An diesem Morgen wachte Isabel Lipthay auf und fuhr per Anhalter zur Universität, während im Auto Marschmusik gespielt wurde. Später trampte sie wieder per Anhalter in ihre WG zurück und weckte dort ihre Zimmergenossen. Zusammen hörten sie im Radio die Stimme Allendes, der eine Abschiedsrede hielt. An jenem Morgen nahm sich Salvador Allende nach Bombardierung des Regierungspalastes in aussichtsloser Situation das Leben. Und von dort an herrschte eine Diktatur, angeführt von Augusto Pinochet. Die Diktatur dauerte 17 Jahre an, und Isabel Lipthay erlebte selbst zehn Jahre dieser Diktatur. Die ersten drei Tage und Nächte saß sie in der Wohnung fest, da eine Ausgangssperre verhängt wurde. Zu dieser Zeit gehörte ihr eigener Bruder zu einer ultrarechten Organisation „Patria y Libertad“. Sie selbst wurde während der Diktatur ebenfalls festgenommen.

Ihre Flucht begann im Jahr 1983. Mithilfe eines Flugzeuges konnte sie nach Deutschland fliehen. Zu ihrer, ein paar Jahre zuvor geflohenen Freundin nach Münster, wo sie fortan in einer WG lebte und lernen musste, mit der Fremde als „seltsame Pflanze“ umzugehen, wie sie sich in ihrem sehr anschaulichen Gedicht beschreibt.

1990 wurde Augusto Pinochet von dem Volk abgewählt, seine Verfassung ist jedoch bis heute noch in Chile gültig, und der Diktator sowie zahlreiche Anhänger wurden nie vor Gericht gebracht. Deshalb hält der Kampf für Gerechtigkeit, freien Zugang zu Bildung und Strafverfolgung bis heute an.

Zuspitzung der Proteste

Am 18. Oktober 2019 ging es in Chile drastisch zu. Präsident Piñera kündigte eine Preiserhöhung für Bus- und Bahntickets an. Damit war die chilenische Bevölkerung nicht einverstanden, da das monatliche Gehalt eines Großteils der Bevölkerung schon knapp genug war. Also protestierten sie. Anfangs fuhren Schülerinnen und Schüler gruppenweise schwarz. Immer wieder riefen sie: „Schwarzfahren statt zahlen! Die neue Art zu kämpfen!“ Doch die Proteste arteten aus. Die Polizei und das Militär griffen auch hier wieder zu harter Gewalt. Metros wurden in Brand gesetzt, und Menschenleben wurden aufs Spiel gesetzt. Es entstanden Zustände, die an die Diktatur Pinochets erinnern. In diesen zwölf Tagen, in denen die Proteste ausarteten, gab es offiziell 23 Tote, 4271 Verhaftete, 1305 Verletzte, 146 Augenverletzte und bis zu 18 Anklagen wegen sexueller Gewalt (ausgehend von Polizei und Militär). Aktuelle Quellen zeigen aber, dass es deutlich mehr Opfer gab. Hinzu kommt, dass das Militär teilweise Brände angestiftet haben soll, um die Proteste und die Eskalation weiter anzufeuern. Das staatliche Gewaltmonopol wurde laut der Zeitzeugin stark missbraucht.

Für Isabel Lipthay war es nicht leicht, diese Bilder zu sehen. Wie auch in der Diktatur fuhren Panzer durch die Straßen und bespritzten die Menschen mit Wasser, damit diese von den Straßen fernblieben. Anfang November gab es heftige Gewaltausbrüche. In der letzten Januar Woche 2020 kamen vier Protestierende auf der Straße ums Leben, einer davon durch einen Kopfschuss. Letztendlich wurden die Proteste „auf der Straße“ erst durch die Ausgangssperre wegen COVID-19 gestoppt. Hinter den Türen gingen die Prozesse aber weiter und führten dazu, dass es zu einem Plebiszit über eine neue Verfassungsgebende Versammlung kam. Diese brachte große Hoffnung, wurde jedoch nicht von der Mehrheit befürwortet. 2022 löste der linke Präsident Gabriel Boric den Präsidenten Piñera ab und brachte zahlreiche sozialdemokratische Ziele voran. Doch Ende 2025 wurde der rechtsextreme Politiker José Antonio Kast gewählt. Sein Vater war Mitglied der NSDAP und von 1942 bis 1945 Wehrmachtsoffizier unter Adolf Hitler. Diese und weitere Fakten der Geschichte leugnet der frisch gewählte Präsident Chiles. Er selbst ist ein strenger Katholik und Fan Pinochets.

Der Besuch von Isabel Lipthay regte sehr zum Nachdenken an: Wie kann es uns gelingen, uns für andere einzusetzen? Welche Träume haben wir? Was können wir tun, um diesen näher zu kommen?

Wir nehmen mit, wie wichtig es ist, dass wir hinschauen, dass wir wissen, wie gut wir es haben, aber auch, wie schnell sich eine Situation verändern und überhandnehmen kann. Zudem möchte ich mich bei Isabel Lipthay dafür bedanken, dass sie mich und andere Schüler mit in ihre Welt genommen hat. Und ohne Frau Berelsmann hätte es diesen Austausch nie gegeben. Also auch ein großes Danke an Frau Berelsmann!

Text: IGS Melle, Katrin Berelsmann, Hintergrundbericht: Jule Sachse, Fotos : Förderverein der IGS Melle e.V.